Textausschnitt 1

WIE DIE NATUR MIT IHREN AUFGABEN UMGEHT – BEOBACHTUNGEN AUS DER WELT DER PFLANZEN
Wann haben Sie sich das letzte Mal das Blatt eines Baumes angeschaut? Ich meine so richtig angeschaut. Das letzte Mal in Ihrem Biologieunterricht? Ich will Ihrer Erinnerung auf die Sprünge helfen. Betrachten wir uns einmal ein Ahornblatt. Es gibt einen Stiel und einen sich daran anschließenden flächigen Teil, der von Adern durchsetzt ist. Es fällt gleich auf, dass es stärkere Adern gibt, von denen zartere abgehen, die eine Art Netzstruktur bilden.



Die in geringerer Zahl auftretenden voluminöseren Adern verleihen dem Blatt Struktur und Festigkeit. Sie enthalten die so genannten Leitbündel, die Blatt, Stamm und Wurzel miteinander verbinden. In diesem System gibt es zwei Richtungen: Wasser- und Nährstoffe gelangen von den Wurzeln zu den Blättern. Die im Rahmen der Photosynthese gebildeten organischen Stoffe - Zucker zum Beispiel, der für das Wachstum des Baumes elementar ist - werden von den Blättern zu den Wurzeln transportiert.

Neben der Photosynthese übernehmen die Blätter noch eine weitere wichtige Funktion: Bäume sind für ihr Überleben auf Wasser angewiesen. Auf raffinierte Weise sorgen sie selbst dafür, dass ihnen der Vorrat daran nicht ausgeht. Ihre Blätter enthalten nämlich so genannte Spaltöffnungen, über die das Wasser, das zuvor über die Wurzeln aufgenommen wurde, wieder verdunstet wird und irgendwann als Niederschlag wieder auf die Erde zurückfällt. Wurzeln und Blätter bilden somit einen perfekt aufeinander eingespielten Kreislauf. (...)



Es ist faszinierend, was für ein geniales Konzept sich die Natur hier ausgedacht hat - vor allem, wenn man die Logik dahinter erst einmal begriffen hat. Denn worum es ja geht, ist: Wie schaffe ich optimale Bedingungen, um zu wachsen und zu überleben? Das Beispiel Baum zeigt, dass Ausdehnung hierbei eine wesentliche Rolle spielt, ebenso wie die Durchdringung von Raum. Je mehr Fläche eingenommen wird, desto besser sind Standfestigkeit und Versorgungsgrad. Das Konzept ist so angelegt, dass auf die vorhandenen Standortbedingungen reagiert werden kann. Wie ein Baum wächst und welchen Verlauf Wurzeln nehmen, hat schlicht damit zu tun, wie die jeweiligen Boden- und Platzverhältnisse sind. Das Prinzip der Verästelung, die tief ins Erdreich vordringt und dafür sorgt, dass Fläche für Photosynthese und Verdunstung zustande kommt, ermöglicht es, sich an diese Bedingungen optimal anzupassen. (...)

Textausschnitt 2

DIE NATUR MACHT KEINE FEHLER
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber mich beeindruckt es, wie die Natur funktioniert: Hindernisse werden umschifft, Verbindungen – wo keine sind – geschaffen, Optionen ausgelotet. Und in allen Fällen spielt das Prinzip der Verästelung als Instrument, das dies überhaupt ermöglicht, eine entscheidende Rolle.

Dass es sich lohnt, die Natur als Modell zu betrachten, zeigt die Bionik – eine Fachrichtung, die in den vergangenen Jahren mehr und mehr Zulauf erfährt. Die Bionik beschreibt den Transfer von Anregungen aus der Biologie in die Technik. Dazu arbeiten Biologen eng mit Ingenieuren, Architekten, Physikern, Chemikern und Materialforschern zusammen und nutzen das große Reservoir an biologischen Strukturen und Prozessen, um Produkte zu verbessern oder neu zu entwickeln.


Bei mir hat das Nachdenken über die Natur einen vergleichbaren Impuls ausgelöst. Allerdings in eine andere Richtung. Mich interessiert nicht die stoffliche oder technische Ebene. Mich interessiert die Frage, welche Muster uns die Natur bietet, die wir vielleicht unserem eigenen Verhalten zugrunde legen können, und ob sich eventuell bestimmte Leitlinien definieren lassen. Ich denke ja! (...)

Textausschnitt 3

DAS DING MIT DER FLEXIBILTÄT
Wie flexibel sind Sie auf einer Skala zwischen 1 bis 10? Wahrscheinlich antworten Sie: „Kommt ganz darauf an!“. Eventuell sagen Sie auch „Nicht besonders.“ Die Antwort, die die Ausnahme sein dürfte, lautet: „Also ich bin total flexibel!“. Rekapitulieren wir einmal unseren Alltag. Wir stehen auf, nehmen etwas zu uns, begeben uns an unseren Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, eventuell kümmern wir uns um unsere Kinder, unseren Haushalt oder versorgen Angehörige. Bei sämtlichen Unterschieden im Detail wird es in allen Fällen geregelte Abläufe geben, auf die wir Rücksicht nehmen müssen - was in Ordnung ist, denn geregelte Abläufe haben viel mit Effizienz zu tun und sind somit durchaus legitim.

Der Effizienzgedanke führt allerdings dazu, dass aus regelmäßigen Abläufen Routinen werden, über die wir nicht mehr viel nachdenken. Auch dagegen ist nichts einzuwenden, denn unser Gehirn liebt sich wiederholende Tätigkeiten – sie strengen uns weniger an und geben uns ein Gefühl der Kontinuität. Problemtisch wird es, wenn Eckpfeiler unseres Systems wegbrechen und die Routine damit ihre Grundlage verliert. Der Job wird gekündigt, die Beziehung geht auseinander, der Vermieter klagt auf Eigenbedarf. Aus einem „Das kann ich mir nicht vorstellen!“ wird auf einmal ein „Ich muss!“ Ich muss mir einen Job suchen, ich muss allein zurechtkommen, ich muss eine neue Wohnung finden. Kurz: Ich muss mich auf eine völlig neue Situation einstellen, die ich selbst nie gewählt hätte!


Nun gibt es natürlich erhebliche Unterschiede: Wie alt bin ich? Habe ich eine Ausbildung genossen, die mir dazu verhilft, nahtlos eine neue Arbeitsstelle zu finden? Bin ich mobil genug, auf ein Jobangebot 300 Kilometer entfernt zu reagieren, oder steht meine Familie Kopf, wenn ich den Gedanken nur erwähne? Es gibt viele Faktoren, die eine Lösung erschweren. Aber letzten Endes gibt es nur eine Möglichkeit, mit der Situation umzugehen: Ich muss flexibel sein. In der Evolution hat dieser Gedanke konsequent Niederschlag gefunden. Die Natur hat sich mit veränderten physiologischen Eigenschaften ihren Bedingungen fortwährend angepasst.

Ein Beispiel permanenten Dazulernens ist auch der Mensch – theoretisch zumindest. 
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